Wie gestaltet man Orte, so dass Menschen sich darin zu Hause fühlen? Anhand des Instruments “7 Elemente der Heimat” können wir dies gemeinsam angehen. Kontaktiere mich!
Das Modell der Ortsverbundenheit:
die 7 Elemente der Heimat
Menschen und Orte
Hast Du ein Zuhause? Wo fühlst Du Dich Zuhause?
Meins ist im Moment ein Ort in den Bergen. Wenn ich am Schreibtisch sitze sehe ich bis zu den vergletscherten Berner Alpen. Es ist wunderschön! Aber vor allem fühle ich mich geborgen. Mir sind Ruhe und Natur enorm wichtig. Deshalb ist dieser Ort hier für mich so wunderbar.
Orte prägen uns Menschen. Wir haben Orte die wir mögen und solche die wir meiden. Orte können Halt geben in turbulenten Zeiten. Ihre Beständigkeit kann uns gut tun. Aber manchmal, da brauchen wir einfach einen neuen Ort, einen „Szenenwechsel“. Man kann also auch sagen, wir stehen in einer Beziehung zu Orten. Mit diesem Thema befasse ich mich auf dieser Seite.
In der Forschung gibt es für dieses Thema „Mensch-Orts-Beziehungen“ den Fachbegriff Ortsverbundenheit, oder auf Englisch „Place Attachment“. Es ist ein Forschungsfeld an dem Umweltpsychologen, Architekten, Soziologen und Humangeographen forschen. Im Rahmen meiner Dissertation habe ich mich damit befasst, welche Orte für Menschen besonders wichtig sind und wieso. Dafür habe ich Menschen in zwei Quartieren befragt und viel recherchiert. Herausgekommen ist, dass 7 Arten von Orten für Menschen besonders wichtig sind. Diese 7 Orte habe ich zusammengefasst im Modell der Ortsverbundenheit.
Die 7 Elemente der Ortsverbundenheit
Infrastrukturorte
Infrastrukturorte stellen die Basis des alltäglichen Lebens dar, ohne welche eine Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht möglich ist. Sie leisten den organisatorischen Unterbau, der die Versorgung und die Nutzung des Raums sicherstellt, damit er als Lebensraum dienen kann.
Sie ermöglichen und vereinfachen den Alltag der Raumnutzer. Bei der planerischen Umsetzung von Infrastrukturorten ist zu achten auf eine gute verkehrstechnische Erschliessung, die kleinräumige Durchmischung von Wohnen, Orten die dem Einkauf des täglichen Bedarfs dienen (z.B. Bäckerei, Geldautomat, Post) und Orten des Verweilens / der informellen Begegnung.
Erholungsorte
Erholungsorte dienen den Raumnutzern zur Erneuerung der psychischen und physischen Ressourcen. Sie sind vielfältig und individuell. Trotzdem lassen sie sich in fünf Kategorien einteilen, die im Folgenden vorgestellt werden:
1. Städtische Natur
2. Ausserstädtische Natur
3. Aktivitätsorte
4. Zuhause
5. Ferne Orte
Orte der Erholung zeichnen sich durch vier Qualitäten aus (S. Kaplan, 1995, S. 173):
Erstens durch: «weg sein» (engl. = being away). Indem man sich an Orten aufhält, an denen man sich dem Alltag entziehen kann, findet Erholung statt. Für urbane Menschen ist die Natur nicht der Alltagskontext, deswegen erfüllt die Natur diese Bedingung.
Zweitens; Ausmass des Ortes. Ein Ort muss, damit wir uns in ihm erholen können, wie eine eigenständige Welt wirken. Wenn man sich darin aufhält, so ist man weg vom Alltag - man ist wörtlich umgeben von einer anderen Welt. Dies ist zum Beispiel der Fall wenn man einen guten Film ansieht oder in der Natur spazieren geht.
Drittens; Kompatibilität, die Umgebung muss zur Person passen.
Viertens: Faszination. Der Ort muss eine Faszination auf den Raumnutzer ausüben. Diese zentralen Aspekte sind bei der Planung zu beachten, denn so können zielgerichtet Erholungsqualitäten von Orten geschaffen werden.
Erholungsorte: Aspekt 1, städtische Natur
Unter städtischer Natur werden alle natürlichen Elemente in einer Stadt verstanden: «all native, cultural and built nature in cities» (K. L. Wolf & Robbins, 2015, S. 390). Städtische Natur trägt, durch das Leisten der vier Elemente von erholsamen Orten, wesentlich zur Stressreduktion bei. Bei Planungen sind deshalb unbedingt Elemente der städtischen Natur zu integrieren.
Dies können zum Beispiel sein:
• Parks
• «Natur vor der Haustüre» (kleine Naturelemente im Wohnumfeld: Bäume, Pflanzen, Grünflächen, Wasserläufe)
• Perspektiven in Form von Aussicht und Weitblick: Sehr wichtig, für kurze Momente der Erholung, sind Orte mit Aussicht und Weitblick, die öffentlich zugänglich sind. In der Planung sollte Orten, die im Alltag von den Raunutzern stark frequentiert werden und die eine Aussicht erlauben (Brücken, Fusswege, Promenaden, Plätze, Seeufer, etc.), besondere Priorisierung erhalten.
Erholungsorte: Aspekt 2, ausserstädtische Natur
Ausserstädtische Natur, die eher den Charakter von «Wildnis» hat, ist für Stadtbewohner als Erholungsort von zentraler Bedeutung. Die Planung hat die Aufgabe, unnötige Mobilität der Raumnutzer zu verringern, denn die Freizeitmobilität wird in der Schweiz zu einem immer grösseren Problem. Eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken, ist es Naturorte möglichst nahe der grösseren Städte zu fördern. In Zürich geschieht dies zum Beispiel mit dem Sihlwald als stadtnahes Wildnisgebiet.
Erholungsorte: Aspekt 3, Aktivitätsorte
Aktivitätsorte sind Orte, die den Raumnutzern spezifische (Freizeit-)Aktivitäten ermöglichen. Dies können unter anderem sein: Gärtnern, Sport (z.B. Jogginstrecken, Tennisanlagen, Badeanlagen), Kulturorte, usw.. Um Aktivitätsorte gezielt in Planungen herzustellen, ist es wichtig die Bedürfnisse der Raumnutzer zu erheben. Welche Aktivitätsorte schätzt die Bevölkerung? Auf was ist bei der Planung zu achten? Zudem sollten für «Nischennutzungen» (Kultur, Handwerk, etc.) bezahlbare Räume angeboten werden, in denen die Raumnutzer ihren Freizeitaktivitäten nachgehen können.
Erholungsorte: Aspekt 4, Zuhause
siehe Abschnitt Geborgenheit im Raum
Erholungsorte: Aspekt 5, ferne Orte
Diese Kategorie beinhaltet Orte die der Erholung dienen und ausserhalb des Wohnortes liegen (z.B. eigene Ferienhäuser, Feriendestinationen). Für eine nachhaltige Planung ist es wichtig, die Kernelemente, dessen was ferne Erholungsorte ausmacht, am Ort umzusetzten.
Geborgenheit im Raum
Menschen bauen Ortsverbundenheit zu Orten auf, die eine Geborgenheit im Raum vermitteln.
Das können konkrete Orte wie das Zuhause sein, aber auch Aspekte von Orten die eine Geborgenheit vermitteln (wie zum Beispiel Sicherheitsempfinden oder Möglichkeit zur Teilhabe). Geborgenheit im Raum kann unterteilt werden in die Aspekte Raumgeborgenheit und Zuhause.
Aneignung
Aneignung bedeutet, dass Stadtbewohner Raum einnehmen und diesen mitgestalten dürfen.
Mitgestalten, Teilhaben, aktiv sein, Individualität, Verantwortung und Selbstbestimmung sind menschliche Bedürfnisse. Sobald man etwas mitgestaltet, wird es zumindest zu einem Teil zum eigenen. Man eignet sich einen Ort an und dadurch baut man eine Verbundenheit zu ihm auf. Aneignung kann unter anderem durch das Fördern von Eigeninitiative oder durch gezieltes Anbieten von Freiräumen in verschiedenen Masstäben, z.B. von der Brachen-Zwischennutzung bis hin zur eigenen Gartenparzelle, geschehen. Zudem sollten Räume so gestaltet werden, dass sie eine Nutzungsoffenheit ermöglichen und von verschiedenen Nutzern mitgestaltet werden können. Reglementierungen sollen nur wo wirklich notwendig bestehen.
Soziale Orte
Soziale Orte befriedigen das Bedürfnis nach Geselligkeit, Gemeinsamkeit und Gemeinschaft. Menschen haben das Bedürfnis «sich eingebettet zu fühlen in menschliche Beziehungen». Unterschieden werden bei den sozialen Orten die «dritten Orte», öffentliche Räume sowie Gemeinschaftsorte.
Soziale Orte: Aspekt 1, «Dritte Orte»
Dritte Orte sind Orte, an denen Menschen sich informell treffen. Dies in Abgrenzung zum Wohnort als «ersten Ort» und dem Arbeitsplatz als «zweiten Ort». Diese «dritten Orte» sind zum Beispiel Kaffees, Restaurants oder Geschäfte. Dritte Orte dienen der Geselligkeit, der Gemeinschaft, dem Austausch und dem «am Leben teilnehmen». Sie bieten Menschen zwischen ihrem Zuhause und dem Arbeitsplatz einen dritten, informellen Begegnungsort. Sie gehen zunehmend verloren, da sie im Vergleich mit kommerzielleren Angeboten nicht die gleichen Mieten bezahlen können. Wichtig ist deshalb das Ermöglichen von kostengünstigen Mietpreisen, auch in zentralen Lagen. Dies kann zum Beispiel über städtische Liegenschaften, genossenschaftliche Bauträger, etc. geschehen.
Soziale Orte: Aspekt 2, öffentliche Räume
Öffentliche Räume sind Orte wo jeder zeitunabhängig ein uneingeschränktes Aufenthaltsrecht hat. Ein Aufenthalt in ihnen kostet nicht und meist gehören sie der öffentlichen Hand.
Sie dienen als Treffpunkte und Begegnungsorte. Auf Plätzen und Strassen, die für alle zugänglich sind, sind Zufallsbegegnungen möglich, welche auch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen zulassen. Öffentlichen Räumen kommt aus verschiedenen Gründen eine grosse Bedeutung zu. Sie dienen als Orte der Erholung, für Aktivitäten (Fussballspielen, Treffen, Leute beobachten, Spielplätze, etc.). Auch für die Ortsidentität sind öffentliche Räume sehr wichtig. Zudem erfüllen sie dadurch, dass sie Interaktionen und eine Durchmischung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen, eine gesellschaftliche Funktion – sie erlauben den Raumnutzern das Entwickeln «einer gemeinsamen Identität». Der öffentliche Raum gilt auch als Standortvorteil, denn gut gestaltete öffentliche Räume machen ein Stadtquartier attraktiv und können Anziehungskraft im Sinne eines Standortvorteils entfalten. Um gelungene öffentliche Räume in Planungsprozessen zu gestalten sind folgende Punkte wichtig:
• Gelungene öffentliche Räume erlauben den Raumnutzern die Aneignung (siehe Abschnitt Aneignung).
• Neben einer ästhetischen, interessanten und vielfältigen Gestaltung für eine breite Bevölkerungsschicht ist für das Funktionieren von öffentlichen Orten deren Offenheit im Sinn von Zugänglichkeit, Einsehbarkeit und Hemmschwellenfreiheit von zentraler Bedeutung um eine Aneignung und Belebung durch die Raumnutzer zu fördern.
• Eine gegenseitige Durchmischung der drei verschiedenen Ausprägungen von sozialen Orten und den damit verbundenen verschiedenen Nutzungen (Kaffee, Markt, Sitzbänke, etc.) fördert und belebt den Charakter eines öffentlichen Raumes. Zufallstreffen etc. werden dadurch wahrscheinlicher, was wiederum den sozialen Aspekt des Raumes verstärkt.
Soziale Orte: Aspekte 3, Gemeinschaftsorte
Gemeinschaftsorte sind Einrichtungen, die speziell für das Zustandekommen von gesellschaftlich relevanten Projekten im Zusammenschluss von Raumnutzern und allenfalls der öffentlichen Hand oder Partnern geschaffen wurden. Sie sind «Möglichkeitsräume» in denen Bewohner praktische Unterstützung sowie Gleichgesinnte für ihre Projekte finden. Gemeinschaftsorte dienen der Förderung der Eigeninitiative und fördern die gesellschaftliche Durchmischung, die Integration sowie die Solidarität. Um Gemeinschaftsorte in die Planung einzubeziehen ist es wichtig von der öffentlichen Hand / genossenschaftlichen Bauträgern gezielt Gemeinschaftsorte zu schaffen. Dies kann wie in der Studie in Wipkingen gesehen, durch das aktive Gestalten von Prozessen der Zwischennutzung geschehen oder auch ganz konkret durch das Bereitstellen von Gemeinschaftsräumen.
Atmosphäre
Atmosphäre bezeichnet die Stimmung einer Umgebung welche Ästhetik und Wohlfühlen schafft. Dies geschieht durch den gezielten Einbezug folgender Aspekte:
Stadtlandschaften, Ansichten, Lichteinfall und Perspektiven bewusst planen.
Durchblicke (Sichtverbindungen) ermöglichen.
Jahreszeiten erlebbar machen durch naturnahe Räume in der Stadt.eibung erscheint hier
Erinnerungsorte
Erinnerungsorte reaktivieren beim Raumnutzer einen im Gedächtnis aufbewahrten Eindruck.
Orte können am Ort oder mit dem Ort verbundene Erinnerungen wachrufen. Erinnerungsorte dienen der Ortsidentität, sie schaffen Orientierung und Kontinuität und sie geben Sicherheit.
Um Erinnerungsorte in Planungsprozessen zu schaffen sind folgende Elemente wichtig:
• Kontinuität im Ortsbild: Erhalt der zentralen «Landmarks».
• Erhalt des Charakters eines Ortes.
• Sorgfältiger Umgang (Partizipation, Mitwirkungsverfahren) bei Orten von denen man weiss, dass sie für viele Personen einen wichtigen Erinnerungswert haben.
• Bezugnahme auf Historie und Kulturgeschichte bei Planungen sowie die Einbindung lokaler Ortskenntnis in Planungsprozesse.
• Erhalt bestehender und Schaffung neuer Erinnerungsorte mit Aneignungsangebot an die Raumnutzer.